Im Gefolge des Ballo: Wie eine fränkische Sippe Land nahm

Was bedeutete „Sippe“ damals? (Weit mehr als eine Familie)

Wenn wir heute „Familie“ sagen, meinen wir meist Eltern, Kinder und vielleicht noch die Großeltern. Eine germanisch-fränkische Sippe war jedoch ein riesiges, lebendiges Schutzbündnis aus hunderten von Menschen.

  • Das Blutband: Zur Sippe gehörten alle Menschen, die von denselben Ur-Ahnen abstammten: Onkel, Tanten, Cousins vierten Grades, eingeheiratete Frauen und deren Kinder.

  • Ein Rechtssystem ohne Staat: Es gab damals keine Polizei und keine geschriebenen Gesetze. Die Sippe war deine Lebensversicherung. Wurde ein Mitglied der Ballo-Sippe verletzt, forderte die gesamte Sippe Rache oder Sühnegeld.

  • Die Wehrgemeinschaft: Wenn Ballo rief, stand kein einzelner Hausvater auf, sondern ein ganzer Trupp wehrhafter Männer, die miteinander blutsverwandt waren. Sie kämpften Rücken an Rücken, weil das Band des Blutes sie verpflichtete.

Woher kamen sie und was waren das für Menschen?

Die Franken waren ein Zusammenschluss verschiedener germanischer Stämme. Vor der großen Landnahme im Taubertal lag ihr Siedlungsgebiet weiter nördlich und westlich, wie im Rheinland, an der Mosel und im heutigen Belgien.

  • Die Pioniere des Waldes: Die Menschen um Ballo waren keine feinen Edelleute, sondern zähe, wettergegerbte Bauernkrieger. Sie trugen grobe Leinenkittel, hielten Vieh und verstanden sich meisterhaft auf das Handwerk des Holzfällens und des Kampfes mit der Franziska, der fränkischen Wurfaxt. Später waren einige von ihnen Vasallen der Herren von Luden.

  • Warum sie wanderten: Die alten Siedlungsgebiete wurden zu eng. Als das Fränkische Reich unter den Merowinger-Königen nach Osten expandierte, drängten junge, tatkräftige Anführer wie Ballo mit ihren Leuten nach, um neues, unberührtes Land zu gewinnen.

  • Was sie vorfanden: Das Balbachtal war damals kein idyllisches Kulturland, sondern urwüchsiger, dichter Urwald. Sie kamen mit Ochsenkarren, Saatgut, Frauen und Kindern und mussten sich den Lebensraum Baum für Baum der Wildnis abtrotzen.

Durfte man sich früher einfach irgendwo niederlassen?

In der Zeit zwischen 600 und 800 n. Chr. lief das völlig anders ab.

  • Das Recht des Stärkeren und des Königs: Man durfte sich nicht einfach so überall niederlassen, wo man wollte. Das Land gehörte entweder besiegten Völkern, wie den Alemannen oder Thüringern oder stand unter dem Anspruch des fränkischen Königs.

  • Die Zuweisung durch den Anführer: Ein König oder ein hoher Herzog gab einem treuen Gefolgsmann, in diesem Fall Ballo, das Recht, mit seinen Leuten ein bestimmtes Gebiet zu besiedeln. Ballo war der „Lokator“, der Anführer.

  • Der erste Spatenstich: Kam die Sippe im Balbachtal an, steckte Ballo das Land ab. Sie bauten einen großen Herrenhof für den Anführer und drumherum die kleineren Höfe für die Sippenmitglieder. Niemand fragte nach einem Pass oder einer Zuzugsgenehmigung, wer die Kraft hatte, das Land zu roden und gegen wilde Tiere oder feindliche Streifscharen zu verteidigen, dem gehörte es durch das Recht der Scholle. In der Gegend erzählt man sich, dass der dort weit verbreitete Familienname Balbach von Ballo und seinem Gefolge abstammt.

Der Geist des Ortes im Ahnenwissen: Wenn wir uns also das Jahr 700 im Balbachtal vorstellen, sehen wir Rauch aus den Strohdächern der ersten Blockhäuser steigen. Wir hören das Schlagen der Äxte im dichten Holz. Mittendrin steht Ballo, der Ahnherr, dessen Name bis heute – über 1300 Jahre später – in den Ortsnamen Ober- und Unterbalbach weiterklingt. Aus dieser Keimzelle freier, wehrhafter Männer entstand Jahrhunderte später erst der Adel und dann der ehrsame Bürgerstand der Region.