Das Werkzeug der Ahnen: Der Kardenmacher & sein Handwerk
Der Kardenmacher, oft auch Kardensetzer genannt, übte ein hochspezialisiertes Handwerk im Bereich der Textilveredelung aus, das vor allem vom 15. bis ins 19. Jahrhundert florierte. Er war ein unverzichtbarer Zulieferer für die vorindustrielle Textilbranche. Ohne seine Kunstfertigkeit hätte die hochwertige Wollveredelung, die weiche, flauschige Oberfläche bei Tuchen und Hüten, schlichtweg nicht funktioniert.
Dieser alte Wirtschaftszweig ist für mich weit mehr als nur ein verblasstes Stück Geschichte, denn er ist tief mit meiner eigenen Ahnenreihe verwoben: Mein 9x-Urgroßvater, Carsten Demmin (geboren 1585), lebte und wirkte in Neubrandenburg als Tuchmacher. Es existierte dort eine Kleine Wollweberstraße, die auf das Wirken und Leben von Webern und Tuchmachern hinweist. Die Neubrandenburger Tuchmacher stellten vor allem gewalkte und geraute Wollstoffe her. Für ihn gehörten die gefertigten Kardenstriegel und das raue Naturwerkzeug zum alltäglichen Rhythmus seines Lebens.
Die feinen Handgriffe des Kardenmachers:
Die Vorbereitung: Dienstjungen, Lehrjungen oder Gesellen brachten die abgenutzten Rahmen aus der Tuchmacherei zum Kardenmacher in die Werkstatt – ein typischer Botengang für die Jüngsten im Betrieb.
Das Sortieren: Der Kardenmacher erhielt die getrockneten Kardenköpfe von Bauern oder Händlern und sortierte sie streng nach Größe, Qualität und Form. Nur die allerbesten Exemplare mit gut ausgebildeten Haken wurden ausgewählt.
Der Wechsel: Da sich die natürlichen Haken mit der Zeit abnutzten, entfernte der Kardenmacher die alten Köpfe sorgfältig aus dem Holz.
Die handwerkliche Bindung: Er fertigte hölzerne Rahmen an und bestückte sie neu. Die Köpfe wurden mit einem kurzen Stielstück in vorgebohrte Löcher gesteckt und verkeilt, oder – was am häufigsten vorkam – kreuzweise mit einer Schnur fest umwickelt und gebunden.
Die Rückkehr: Die reparierten Striegel kamen frisch bestückt zurück in die Tuchmacherei, wie jene in Neubrandenburg, und wurden direkt wieder eingesetzt.
Dieser Beruf war zünftisch organisiert oder zumindest eng mit dem Tuchmacher- und Weberhandwerk verbunden. Ein wunderbares historisches Zeugnis ist Jakob Spensetzer: In den Nürnberger Hausbüchern der Zwölfbrüderstiftung aus dem Jahr 1545 ist er explizit als Kardenmacher abgebildet, und man sieht ihn genau bei dieser alten Arbeit mit dem kreuzförmigen Rahmen.

Das Binden der Natur: Wie der Kardenstriegel entstand
Die getrockneten Blütenköpfe (Dipsacus sativus) wurden auf unterschiedliche Weise in die Holzrahmen – auch Kardenstriegel oder Kardenkreuze genannt – eingesetzt. Die Methode hing stets vom genauen Verwendungszweck und der Region ab:
Die klassische Form (16. bis 17. Jahrhundert): Der Rahmen bestand aus einem hölzernen Kreuz oder einem rechteckigen Gestell mit einem langen Griff, ähnlich einem großen Pferdestriegel. Ein solches Handgerät fasste meist 15 bis 25 Kardenköpfe in ein oder zwei Reihen. Sie wurden so befestigt, dass die Köpfe gleichmäßig hervorragten und gut über den Stoff gezogen werden konnten.
Parallele Holzleisten: Manche Rahmen besaßen zwei Leisten, zwischen die die Köpfe geklemmt oder gesteckt wurden. Manchmal wählte man die Stiele abwechselnd lang und kurz, um so zwei dichte, versetzte Reihen zu erzeugen.
Der Wandel zur Maschine (ab dem 18. Jahrhundert): Für die frühen Maschinen entfernte oder kürzte man die Stiele, schnitt die Köpfe oft zylindrisch zu, durchbohrte sie der Länge nach und reihte sie auf Spieße oder Achsen, die dann in rotierende Walzen und Zylinder montiert wurden.

Der sanfte Lauf der Zeit: Tote, mittelalte & lebendige Karden
In der Tuchmacherei war der Kardenstriegel absolut unerlässlich. Doch beim Aufrauen eines Wollstoffes begann man niemals sofort mit frischen Kardenköpfen. Man arbeitete gestaffelt in mehreren Durchgängen (oft drei bis sechs Mal oder mehr) mit Karden unterschiedlicher Schärfe:
Tote Karden (ältere Köpfe): Diese wurden bereits mehrfach benutzt. Die Haken waren teilweise abgebrochen oder abgerundet. Sie griffen die Wollfasern sehr sanft und hoben sie vorsichtig an, ohne dass zu viele Fasern herausgerissen oder das Gewebe beschädigt wurde.
Mittelalte Karden: Diese Köpfe waren schon etwas benutzt, aber noch gut brauchbar. Sie zogen weitere Fasern kontrolliert aus dem Tuch.
Lebendige Karden (ganz frische Köpfe): Diese neuen Köpfe besaßen scharfe, vollständige Haken. Sie griffen kräftig und wurden nur für das Finale genutzt, um eine gleichmäßige, schöne und flauschige Oberfläche zu erzeugen.
Hätte man gleich zu Beginn mit den »lebendigen« Karden gearbeitet, wären zu viele Fasern auf einmal abgerissen worden. Die Folge wäre eine ungleichmäßige, zerrupfte Oberfläche oder sogar die Zerstörung des Gewebes gewesen. Die abgenutzten Köpfe dienten also als sanfte Vorbereitung. Genau diese Staffelung war eine der großen handwerklichen Finessen, die den hohen Qualitätsunterschied zwischen einfachen und exzellenten Wollstoffen ausmachte. Am Ende dieses Prozesses wurde der aufgeraute Flaum mit großen Scheren gleichmäßig abgeschoren.
Diese natürliche, schonende Arbeitsweise war bis ins 19. Jahrhundert der Standard, da die pflanzlichen Haken den frühen Metallkarden weit überlegen waren.

Ein Netz aus Fäden: Wer die Weberkarde noch brauchte
Die Weberkarde war primär ein Textil-Veredelungswerkzeug, dessen Bedarf sich stark auf die Woll- und Filzverarbeitung konzentrierte. Aus dieser einen Pflanze entstand ein ganzer Wirtschaftszweig. Neben den Tuchmachern und Tuchscherern verließen sich noch weitere alte Berufe auf die Überlieferung dieses Handwerks:
Hutmacher & Mützenmacher: Sie nutzten spezielle, größere Kardenköpfe in Handgeräten, um Filz- und Wollhüte schonend aufzurauen, ohne den Filz zu verletzen.
Strumpfwirker & Stricker: Beim Aufrauen von gewirkten Wollstrümpfen und Strumpfhosen kamen eigene Kardenrauer zum Einsatz, um eine weiche, warme Oberfläche zu erzeugen.
Färber: In manchen Werkstätten arbeiteten Färber eng mit Tuchmachern zusammen und nutzten die Karde selbst, um Stoffe nach dem Färben oder während der Veredelung zu kämmen. Alte Abbildungen belegen dies.
Walkmüller sowie Loden- und Filzhersteller: Sie setzten die Karde beim Walken, beim Nachbearbeiten von Tuchen und bei der Herstellung besonders hochwertiger Wollstoffe und Loden ein.

Das Verblassen eines Handwerks: Vom Wirtschaftszweig zur Erinnerung
Aus dem Bedarf an Weberkarden entstand ein riesiges kommerzielles Handelsnetz. Bauern bauten die Pflanzen großflächig an, Händler kauften sie in Massen auf und verkauften sie an die Kardenmacher weiter. Später entstanden sogar eigene Kardengenossenschaften.
Mit der Industrialisierung, als Metallkarden und große Maschinen die Handarbeit vollständig ersetzten, starb der Beruf des Kardenmachers weitgehend aus. Auch der kommerzielle Anbau für die Textilindustrie ist in Europa heute größtenteils Geschichte:
Das letzte größere Anbaugebiet im deutschsprachigen Raum befand sich im Mühlviertel in Oberösterreich. Die dortige Kardengenossenschaft wurde 1955 aufgelöst, seither gibt es keinen nennenswerten professionellen Anbau mehr in Mitteleuropa.
In England, beispielsweise in Somerset, gibt es vereinzelt noch private oder kleine Anbauer, die für traditionelle Zwecke produzieren, was jedoch sehr überschaubar ist.
Heute nutzen nur noch sehr wenige Handweber, Filzhersteller oder Restauratoren (etwa für historisches Billardtuch, Kaschmir oder historische Rekonstruktionen) die echten Weberkarden, die sie meist aus kleinen Zuchten oder über Importe beziehen.

